EDA 31: en hommage Simon Laks
IV: Ballade "Hommage à Chopin" (1949)
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EDA 31: en hommage Simon Laks
I: Trois pièces de concert (1935)

1 Prélude varié. Allegretto ma deciso EDA 31: en hommage Simon Laks
I: Trois pièces de concert (1935)
1 Prélude varié. Allegretto ma deciso

2 Romance. Andante con moto EDA 31: en hommage Simon Laks
I: Trois pièces de concert (1935)
2 Romance. Andante con moto

3 Mouvement perpétuel. Allegro vivace EDA 31: en hommage Simon Laks
I: Trois pièces de concert (1935)
3 Mouvement perpétuel. Allegro vivace

II: Sonate pour violoncelle et piano (1932)

4 Allegro moderato ma deciso EDA 31: en hommage Simon Laks
II: Sonate pour violoncelle et piano (1932)
4 Allegro moderato ma deciso

5 Andante un poco grave EDA 31: en hommage Simon Laks
II: Sonate pour violoncelle et piano (1932)
5 Andante un poco grave

6 Presto EDA 31: en hommage Simon Laks
II: Sonate pour violoncelle et piano (1932)
6 Presto

III: Suite polonaise (1935)

7 Molto moderato EDA 31: en hommage Simon Laks
III: Suite polonaise (1935)
7 Molto moderato

8 Andante EDA 31: en hommage Simon Laks
III: Suite polonaise (1935)
8 Andante

9 Allegro molto EDA 31: en hommage Simon Laks
III: Suite polonaise (1935)
9 Allegro molto

IV: Ballade "Hommage à Chopin" (1949)

10 "Hommage à Chopin" EDA 31: en hommage Simon Laks
IV: Ballade "Hommage à Chopin" (1949)
10 "Hommage à Chopin"

Szymon Laks, 1901 in Warschau geboren, begann eine erfolgreiche Laufbahn als Komponist im Paris der 1930er Jahre, die durch den Ausbruch des 2. Weltkriegs jäh unterbrochen wurde. Laks wurde aufgrund seiner jüdischen Abstammung 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau deportiert, wo er als Leiter einer der Lagerkapellen den Holocaust überlebte. Diese CD stellt eine Reihe von Werken von Laks aus der Vorkriegszeit vor, die für herausragende Interpreten wie Maurice Maréchal und Vlado Perlemuter entstanden und seinen Durchbruch in der französischen Musikszene markierten.

Simon Laks: Ein Leben für die Musik – Ein Überleben durch die Musik

Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte Polen nach 123 Jahren der Bevormundung und Unterdrückung durch die Kaiserreiche Preußen, Russland und Österreich-Ungarn seine nationale Unabhängigkeit wiedererlangt. Polnische Künstler und Intellektuelle wurden nun nicht mehr durch politische Not und existentielle Misere ins Exil getrieben, wie es seit der sogenannten dritten polnischen Teilung 1795 an der Tagesordnung war. Neben Wien und Berlin blieb Paris der magische Anziehungspunkt auch für die Generation der um die Jahrhundertwende geborenen Komponisten, die in den zwanziger Jahren auszogen, ihr Handwerk in der Fremde zu vervollkommnen, die gerade in der Musikmetropole Paris Chancen bekamen, die ihnen in der Heimat zunächst vorenthalten blieben.

Zu ihnen gehörte auch Szymon (später Simon) Laks (1901-1983). Nach Studien der Mathematik und Musik in Vilnius und in Warschau öffneten sich dem hochbegabten die Tore der Pariser Elitehochschule, die er 1929 mit mehreren Preisen abschloss. Wenn seinem Stil jeglicher Konservatoriums-Konservatismus abgeht, so sind die Spuren der dort erlangten handwerklichen Versatilität – die ihm später das Leben retten sollte – doch in allen seinen Kompositionen spürbar: über seinen Kompositionslehrer Paul Vidal, einem Schüler Massenets (und Lehrer Nadia Boulangers) stand er in der kontrapunktischen Tradition des „Fugenpapstes“ André Gedalge, die profunde Kenntnis der Instrumente und die Alchimie ihrer orchestralen Mischungen, Eleganz und formale Perfektion verdankte er seinem Dirigierlehrer Henri Rabaud, dem heute – sicher zu Unrecht – vergessenen langjährigen Direktor des Konservatoriums. Der auch sprachlich äußerst gewandte Laks machte schnell seinen Weg. Er engagierte sich in der 1926 von Piotr Perkowski gegründeten „Association des Jeunes Musiciens Polonais“, die der „Ecole de Paris“ nahestand, und die von Alexandre Tansman, dem damals erfolgreichsten, in Paris lebenden polnischen Komponisten, unterstützt wurde. Laks versah administrative Aufgaben innerhalb der Association, die das Pariser Musikleben vor dem zweiten Weltkrieg mit interessanten Farben und Impulsen bereicherte, und profitierte selber von den zahlreichen von der Vereinigung organisierten Veranstaltungen und Konzerten.

Zwar blieben die Aufträge der großen Opernhäuser und Orchester aus – immerhin wurde sein Blues symphonique mit dem Preis der Association ausgezeichnet –, aber im Bereich des Lieds und der Kammermusik gelang ihm doch spätestens Mitte der 30er Jahre der Durchbruch. Aus der Freundschaft mit der legendären polnischen Sängerin Tola Korian resultierte eine Reihe exquisiter Vertonungen bedeutender polnischer Poesie (Tuwim, Sliwiak u.a.); das international renommierte Roth-Quartett nahm sein zweites Streichquartett ins Repertoire; für Maurice Maréchal, den berühmtesten französischen Cellisten seiner Zeit, entstand die Cello-Sonate, die dieser mit dem nicht weniger bekannten Ravel-Spezialisten Vlado Perlemuter aus der Taufe hob; für den ehemaligen Solocellisten des Königlichen Konzertgebouw Orchesters Gérard Hekking, seit 1927 Professor am Conservatoire, entstanden die Trois pièces de concert, die Laks auch in einer später verschollen, für die vorliegende Aufnahme rekonstruierten Fassung für Violine publizierte.

Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs fand Laks’ Pariser Karriere ein jähes Ende. Als polnischer Bürger jüdischer Abstammung schaffte er es nach der Kapitulation Frankreichs nicht, sich in die freie Zone zu retten oder zu emigrieren, wie es in letzter Minute noch dem Freund Alexandre Tansman gelungen war. Ein Opfer der Kollaboration, wurde er am 14. Mai 1941 zunächst ins Lager Pithiviers nahe Orléans verschleppt und von dort am 16. Juli 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau deportiert. Durch eine „unendliche Reihe von Wundern“ entging Laks, wie er es selber formulierte, dem Holocaust. Entscheidend war die Versetzung vom Arbeitsdienst in die Männerkapelle des Lagers, der er zunächst als Musiker, dann als Arrangeur und schließlich als deren Leiter angehörte. 1944 folgte eine Odyssee über Sachsenhausen in die Arbeitslager Falkensee (bei Berlin) und Kaufering (ein Unterlager des KZ Dachau), aus dem er Ende April 1945 befreit wurde. Laks hat seine Erfahrungen in Auschwitz in seinem Buch Musik in Auschwitz festgehalten (poln.: Gry Oświęcimskie; engl.: Music of another World; franz.: Mélodies d’Auschwitz), das zu den wichtigsten Dokumenten über die Funktion der Musik in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern gehört.

Nach seinem „Überleben durch die Musik“ kehrte Laks zu einem „Leben für die Musik“ nach Paris zurück. Aufführungen seiner Werke in Frankreich und Polen, darunter die Warschauer Fernsehproduktion seiner hinreißenden Opéra comique L’Hirondelle inattendue (Die unerwartete Schwalbe), Auszeichnungen etwa mit dem Preis des Warschauer Chopin-Wettbewerbs für die Klavierballade „Hommage à Chopin“ (aus Anlass des 100. Todestages Chopins entstanden), dem Grand Prix de la Reine Elisabeth 1965 in Brüssel für sein 4. Streichquartett oder dem Grand Prix des Wettbewerbs in Divonne les Bains für sein Concerto da Camera 1964 täuschen aber darüber hinweg, dass er sich im Nachkriegs-Musikleben nur schwer behaupten konnte. Das Netzwerk der „Association des Jeunes Musiciens Polonais“ existierte nicht mehr. War er in den 30er Jahren geschätztes Mitglied einer musikalischen Bewegung, die sich der Moderne verpflichtet sah, so geriet er im zweiten Pariser Exil in zunehmende Isolierung. Komponierte er vor dem Krieg sozusagen auf der Höhe der Zeit, so mochte er sich dem radikalen Stilwandel der 50er Jahre, den Geboten und Verdikten der Nachkriegsavantgarde, nicht anschließen. Mehr und mehr verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Tätigkeit aufs Schreiben, Übersetzen und – für das Unternehmen seines Bruders – auf die Untertitelung von Filmen.

Laks kehrte aus dem Krieg als körperlich- und seelisch Gezeichneter zurück. Die Erfahrung, als Pole wie als Jude dem Schicksal der kollektiven Vernichtung entgangen zu sein, prägte sein weiteres Schaffen nachhaltig: eindrücklich in dem unmittelbar nach der Befreiung entstandenen 3. Streichquartett sur des motifs populaires polonais, in dem Laks gleichsam die imaginäre musikalische Landkarte seiner zerstören Heimat nachzeichnete, in dem 1954 komponierten Poème für Violine und Orchester, das, ohne Auftrag, nach einem den Spätfolgen der Lager-Entbehrungen geschuldeten längeren Krankenhausaufenthalt entstand und zu Lebzeiten des Komponisten keine Aufführung erfuhr, in Liedern auf Texte seines Leidensgenossen in Auschwitz Ludwig Zuk-Skarszewski, in den Huit Chants populaires Juifs von 1947 und in der ergreifenden Elégie pour les villages juifs auf einen Text Antoni Slonimskis 1961. Die beiden letztgenannten Werke erfuhren eine nachhaltige Rezeption zu Lebzeiten des Komponisten, vor allem in Polen.

Die auf dieser CD versammelten Stücke stammen, mit Ausnahme der Ballade – einem Bravourstück, das doch mehr ist als nur eine Stilkopie –, aus der Vorkriegszeit. Sie zeigen einen Komponisten auf dem Höhepunkt jugendlicher Meisterschaft, der sich in dem für die 30er Jahre so typischen Spannungsfeld von Tradition und Zeitgenossenschaft, von Restauration und Innovation bewegt. Neoklassizismus lässt sich hier als übergreifender Stilbegriff anwenden, wenn man ihn weit genug fasst. Charakteristisch ist vor allem – was für die „Ecole de Paris“ wie für die Gruppe der „Jungen Polen“ grundsätzlich gilt – das Amalgam unterschiedlicher nationaler Einflüsse und Prägungen: Laks’ Musik ist polnisch und französisch zugleich, weist slawische wie romanische Charakteristika auf, ist vor allem frei von allem, was man gemeinhin als deutsche Qualitäten zu definieren pflegt: Gedankenschwere, Komplexität, Tiefgründigkeit… Stattdessen allenthalben Prägnanz, Esprit, Ironie, ein Hang zu spielerischer Virtuosität, aber auch große Beseeltheit in den langsamen Sätzen. Polnisches Liedgut und polnische Tänze sind ebenso präsent wie Jazz-Rhythmen und -Harmonik. Szymanowski auf der einen, Ravel auf der anderen Seite halten sich als Paten dezent im Hintergrund: die Suite polonaise, 1936 auch orchestriert und Szymanowski gewidmet, basiert, wie das spätere 3. Streichquartett, auf originalem polnischen Liedgut. Aus welchen Quellen Laks in beiden Fällen schöpfte, ist unklar (das ergreifende, ungewöhnliche Kopfthema des langsamen Satzes mit seiner in einer großen Septime mündenden Moll-Dreiklangsbrechung mag er in den 1926 von Józef Koffler herausgegebenen 40 polnischen Volksliedern gefunden haben). Ravel-Nähe zeigt sich in im Kopfsatz und im Blues der Cellosonate sowie wie im Mouvement perpétuel der Trois pièces de concert, Satztypen, die sich auch in Ravels Violinsonate (1922-27) finden. Beim dritten Satz der Cellosonate hingegen, mit seinen unregelmäßigen 5er-Taktgruppierungen und Jazz-Harmonien, hört man die rhythmischen Capricen eines Dave Brubeck ‚avant la lettre’.

Neben Simon Laks überlebten andere polnische Komponisten jüdischer Abstammung den Holocaust. Wladyslaw Szpilman und Andrzej Czajkowski entgingen dem Tod im Warschauer Getto, Alexandre Tansman, Grzegorz und Jerzy Fitelberg, Ignace Strasfogel, Karol Rathaus und Paul Kletzki konnten rechtzeitig in die USA, Mieczyslaw Vainberg nach Russland, Czeslaw Marek in die Schweiz flüchten. Andere, wie Joachim Mendelson und Józef Koffler, entgingen der Vernichtung nicht. Von einigen blieb nur der Name, und ihre Werke sind für immer verschwunden. Simon Laks verstummte als Komponist 1967 im Angesicht der erneuten existentiellen Bedrohung des jüdischen Volkes, die in den 6-Tage Krieg mündete.

Frank Harders-Wuthenow


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