EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
X: Die frühen Verse op.15 (1935)
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EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs

 
I: Piano Sonata op.1 (1917)

01 Piano Sonata op.1 EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
I: Piano Sonata op.1 (1917)
01 Piano Sonata op.1

II: Drei Gesänge op.3 (1917-25)

02 Bestimmung (1920) EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
II: Drei Gesänge op.3 (1917-25)
02 Bestimmung (1920)

03 Schlummerlied im schwellenden Grün (1917) EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
II: Drei Gesänge op.3 (1917-25)
03 Schlummerlied im schwellenden Grün (1917)

04 Winter (1925) EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
II: Drei Gesänge op.3 (1917-25)
04 Winter (1925)

III: Violin Sonata op.2 (1925)

05 Allegro EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
III: Violin Sonata op.2 (1925)
05 Allegro

06 Larghetto EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
III: Violin Sonata op.2 (1925)
06 Larghetto

07 Allegretto grazioso EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
III: Violin Sonata op.2 (1925)
07 Allegretto grazioso

IV: Psalm op.10,1 (1933/34)

08 Psalm EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
IV: Psalm op.10,1 (1933/34)
08 Psalm

V: Osterblüte op.10,2 (1933/34)

09 Osterblüte EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
V: Osterblüte op.10,2 (1933/34)
09 Osterblüte

VI: Porträts. Drei Klavierstücke op.6 (1927)

10 Vivace impetuoso EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
VI: Porträts. Drei Klavierstücke op.6 (1927)
10 Vivace impetuoso

11 Lento con abandono EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
VI: Porträts. Drei Klavierstücke op.6 (1927)
11 Lento con abandono

12 Improvisation über eine amerikanische Volksweise EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
VI: Porträts. Drei Klavierstücke op.6 (1927)
12 Improvisation über eine amerikanische Volksweise

VII: Sonnenhymne op.11 (1933/34)

13 Sonnenhymne EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
VII: Sonnenhymne op.11 (1933/34)
13 Sonnenhymne

VIII: Prelude (1929)

14 Prelude EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
VIII: Prelude (1929)
14 Prelude

IX: L'Angelus (1933-37)

15 L'Angelus EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
IX: L'Angelus (1933-37)
15 L'Angelus

X: Die frühen Verse op.15 (1935)

16 Die frühen Verse EDA 44: Ernst Bachrich: Music for Piano Solo | Violin Sonata | Songs
X: Die frühen Verse op.15 (1935)
16 Die frühen Verse

Wer war Ernst Bachrich? Ein Schüler Arnold Schönbergs, Gründungsmitglied von dessen legendärer Gesellschaft für Musikalische Privataufführungen, vielleicht der begnadetste Pianist der Zweiten Wiener Schule neben Eduard Steuermann, erfolgreicher Dirigent und herausragender Komponist. All das hat nicht gereicht, sein künstlerisches Vermächtnis über die Auslöschung seiner physischen Existenz im Juli 1942 im Nazi-Vernichtungslager Majdanek zu bewahren. Dr. Matthew Vest von der University of California in Los Angeles trug in jahrelangen Recherchen die Spuren von Bachrichs Leben und Schaffen zusammen. Ihm ist nicht nur zu verdanken, dass wir uns heute zumindest ein ungefähres Bild von Bachrichs Vita und seinem vielgestaltigen Wirken machen können; er fand auch die Ausgaben von Bachrichs Werken, Grundlage für vorliegende Ersteinspielungen, die zum Teil nur noch als Unikate in Nachlässen von Komponisten und Musikern in Israel, Österreich und der Schweiz zu finden waren, und edierte teils neu, wie im Falle des Psalms op.10 und der Sonnenhymne. Ihm sei an dieser Stelle großer Dank ausgesprochen, auch für seine biographische Skizze auf den folgenden Seiten. Großer Dank gilt auch Dr. Florence Millet, Professorin für Klavier und Leiterin der Klavierabteilung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, die von der Notwendigkeit überzeugt ist, dass die Beschäftigung mit Komponistinnen und Komponisten des 20. Jahrhun­derts, die Opfer ideologischer und rassis­tischer Verfolgung wurden, einen Raum im Curriculum heutiger Musikstudenten haben sollte und die diese Aufnahme zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen der Hochschule für Musik Köln im Rahmen des Projektes EchoSpore unterstützte; zu Dank verpflichtet sind wir den Redakteuren von Deutschlandfunk Kultur Stefan Lang und Volker Michael, die der Arbeit von eda records seit vielen Jahren als Koproduzenten verbunden sind, und last but not least den Interpreten dieser Aufnahme, Lola Rubio, Anna Christin Sayn und Alexander Breitenbach, die sich mit großer Leidenschaft und Einfühlungsvermögen an die Erarbeitung eines stilistisch hochkomplexen Repertoires gemacht haben, für das keinerlei Referenzeinspielungen zur Verfügung stehen.

Ein Schlüssel zum Verständnis von Bachrichs Schaffen liegt zum einen in seiner Doppelbegabung als Komponist und Pianist. Mehr als bei anderen Komponisten der Zweiten Wiener Schule erkennen wir – gerade in seinen Klavierkompositionen – das Bedürfnis, spezifisch pianistisches Komponieren unterschiedlicher europäischer Provenienz des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur Synthese zu bringen:  den "ozeanischen" Klangrausch Debussys im Prelude, die  "lodernde" Ekstase Scriabins verbunden mit der "expressionistischen" Aphoristik Schönbergs im ersten und den "lugubren" Stimmungszauber des späten Liszt im zweiten der Drei Porträts op.6. Ein weiterer Schlüssel ist in der tiefen Verehrung Bergs zu sehen, wie sie in der Widmung der Frühen Verse zum Ausdruck kommt, die er "dem Komponisten der Frühen Lieder" zu dessen 50. Geburtstag offeriert, in der symbolischen "Setzung" als op.1 seiner – ebenfalls einsätzigen – Klaviersonate und in der Wahl seiner komponierten Lyrik. Bachrich gehörte zur Avantgarde seiner Epoche, aber er war kein Revolutionär, eher ein feinsinniger Vermittler und Fortführer. Das Fehlen markanter Hauptwerke (konzertantes und symphonisches Repertoire, Opern, Oratorien, die möglicherweise geschrieben worden wären, wäre es nicht zur Katastrophe gekommen) mag ein zusätzlicher Grund für sein Verschwinden in den Randnotizen der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts sein. Die Qualität seiner Werke spricht für sich. Möge diese Aufnahme dazu beitragen, dass sie ihren Weg ins Musikleben zurückfinden, aus dem sie barbarischer Ungeist verdrängt hat.

Frank Harders-Wuthenow 

 

Ernst Bachrich, Leben und Schaffen – eine Spurenlese

Ernst Bachrich wurde am 30. Mai 1892 in Wien geboren als Sohn von Isador Bachrich and Julie (Eisler) Bachrich. Er studierte von 1911 bis 1915 Jura an der Wiener Universität, erhielt seine Doktorwürde aber von einer nicht bekannten anderen Institution. Die Musik nahm einen zunehmend wichtigen Platz in seinem Leben ein, und die Neue Freie Presse hatte vor 1914 schon über einige Kammermusik-Aufführungen mit ihm berichtet. Bis Mitte der 1910er Jahre setzte er seine Musikstudien fort, 1916–1917 bei Carl Prohaska und Carl Lafite, und ab Juni 1916 auch bei Arnold Schönberg. 1918 und 1919 nahm er an Schönbergs Kompositions-Seminar teil und spielte eine maßgebliche Rolle im Verein für Musikalische Privataufführungen. Er war zugegen, als Schönberg die Pläne für den Verein ausarbeitete, war Schriftführer des Vereins 1919, leistete wichtige organisatorische Dienste bei der Vorbereitung der Konzerte und fungierte als Pianist.

Bachrich war in erster fester Anstellung als Kapellmeister an der Wiener Volksoper tätig, wo er zwischen 1920 und 1925 mit Dirigenten wie Fritz Stiedry und Felix Weingartner zusammenarbeitete. In denselben Jahren leitete er das Hakoah Orchester als Gastdirigent, 1924 und 1925 dirigierte er auch in München und Paris. 1921 begleitete er die Sängerin Erika Wagner bei der Uraufführung von Schönbergs Buch der hängenden Gärten sowie Karl Neumann bei Aufführungen von Liedern von Korngold und Grädener. Ein geplantes Engagement als Studienleiter und Chordirektor an die Metropolitan Opera in New York 1921 zerschlug sich. In einer Besprechung der Wiener Arbeiter Zeitung vom 30. Januar 1921 wird Bachrich als "ungemein feinsinniger" und "pianistisch vollendeter Begleiter" beschrieben. 1923 stellt er auf Initiative von Bergs Verleger Emil Hertzka  Erich Kleiber die Partitur des Wozzeck am Klavier vor, was zur Annahme der Uraufführung des Werkes durch Kleiber führte. Im darauffolgenden Jahr war Bachrich für die österreichische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) in die Organisation der Welttmusiktage in Prag und Salzburg involviert, wo er auch als Komponist gefeaturet wurde.

Die 1917 komponierte Sonate op.1 erschien 1933 bei Doblinger im Druck. Dieses frühe, einsätzige Werk zeigt Bachrichs Fähigkeit zur Entwicklung musikalischer Themen und harmonischer Prozesse, und eine Stärke in kontrapunktischer Schreibweise. Bachrichs Sonate für Violine und Klavier op.2, entstand 1925 oder früher und wurde bereits 1931 bei Doblinger veröffentlichte. Ein vom Grevesmühl-Quartett veranstaltetes  Konzert im Frühjahr 1932, in dem auch die Violinsonate zur Aufführung kam, wurde von Carl (Karl) Heinzen in der Zeitschrift Die Musik besprochen. Heinzen bezeichnete das Werk als "ein sehr kühnes Stück ohne jede Konzession, das zum Vortrag zwei in allen musikalischen und technischen Dingen durchaus sattelfeste Virtuosen verlangt". Eine weitere Aufführung durch Markéta Kubínová und Jan Kaláb im April 1935 ist in der Tschechoslowakei dokumentiert.

Den Beginn der bis 1933 anhaltenden Zusammenarbeit mit dem Verlagshaus Doblinger machten 1925 die Drei Gesänge op.3. Ružena Herlinger brachte sie am 10. Oktober 1925 zur Aufführung. Die Wiener Arbeiter Zeitung bezeichnete Bachrich in ihrer Besprechung vom 27. Oktober als "tüchtigen" Komponisten und attestierten den Liedern einen "schönen Erfolg". Bestimmung, entstanden 1920, ist die Vertonung eines Gedichtes des deutschen Nonsens-Poeten Christian Morgenstern, von dessen Texten auch Eisler und Hindemith angezogen waren. Schlummernd in schwellendem Grün von 1917 basiert auf einem Text von Christian Friedrich Hebbel (es findet sich auch in einer Vertonung von Walter Braunfels von 1905, des Weiteren vertonte Alban Berg Hebbels Gedichte in seinem op.2 von 1910).  Winter von 1925 auf einen Text von Theodor Däubler ist Ružena Herlinger gewidmet. Fünf Jahre später ist sie auch die Widmungsträgerin von Bergs Kantate Der Wein. Adorno beschäftigte sich literarisch mit Däubler und vertonte von ihm die Drei Gedichte von Theodor Däubler (1923–45).

Im Februar 1926 korrespondierte Berg mit Zemlinsky über eine Aufführung von Bachrichs Duo für Violine und Violoncello durch Mitglieder des Sedlak-Winkler Quartetts. Portraits: Drei Klavierstücke op.6 entstanden 1927 und wurden 1930 von Doblinger in Druck gegeben. Das einzige erhaltene Exemplar dieser Ausgabe überlebte im Anton Webern Archiv in der Paul Sacher Stiftung in Basel. Der dritte Satz mit dem Titel Improvisation über eine amerikanische Volkweise basiert auf Steven Fosters berühmtem Lied Old Folks at Home bzw. Swanee River, das einer Blackface Minstrelsy Show entstammt. Bachrichs Bearbeitung des Liedes zeigt seine Fähigkeit zur Einfühlung in und Transformation von Musik anderer Komponisten.

1928 erhielt Bachrich den Kapellmeister-Posten am Stadttheater Düsseldorf. Im selben Jahr stellte er dem englischen Publikum in einem Klavier-Recital der BBC Bergs Klaviersonate op.1 vor. Ab 1931 gehörte Bachrich neben seiner Kapellmeistertätigkeit auch zur künstlerischen Leitung des  Duisburger Stadttheaters. In der Zeit zwischen 1928 bis 1933 finden sich in der Presse zahlreiche Konzertbesprechungen von Aufführungen mit Bachrich als Interpret und von seinen Werken. Die meisten davon in Österreich, Deutschland und England. Im April 1930 spielte die Pianistin Hélène Herschel in einem Recital in Florenz auch eines seiner Werke. Das Prelude, Herschel gewidmet, entstand 1929 und wurde in Italien in Satz gegeben (vermutlich wegen Herschel), Doblinger besorgte die Ausgabe dann 1930. Im Juli 1930 kam sein Duo in einem Konzert des Berliner Streichquartetts zur Aufführung, zusammen mit Werken von Eisler und Honegger.

In Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus verließ Bachrich seine Anstellungen in Deutschland 1932 und kehrte zurück nach Wien. 1934 hatte seine Bearbeitung des Wiener Blut-Walzers offenbar großen Erfolg bei einem 1. Weltkrieg-Gedenkkonzert. Im September desselben Jahres kam es zu einer Aufführung des heute verschollenen Chorstücks Der Letzte Appell (für Männerchor). Dieses Werk hatte vermutlich einen politischen Hintergrund, wie die Widmung an die "Mitglieder des österreichischen Heimatschutzes und seinem Führer Herrn Vizekanzler Fürst Starhemberg" vermuten lässt. Am 24. Dezember 1934 führte das  Frauensymphonieorchester Wien unter der Leitung von Julius Lehnert die Sarabande aus seiner Elegie für Violoncello und Streichorchester in einem vom Rundfunk übertragenen Konzert auf, der Solist war Luitgart Wimmer. 1935 begleitete Bachrich Lieder von Charles Ives (darunter eine Reihe von Erstaufführungen) in einem Konzert, das von Paul Pisk organisiert wurde. Seine Elegie kam ein zweites Mal am 2. Mai 1935 in einem Lunch-Konzert des Wiener Rundfunkorchesters zur Aufführung, diesmal dirigiert von Josef Holzer und mit Theo Salzmann als Solist. 1936 übernahm er die Funktionen von Paul Pisk bei der Organisation der Konzerte der Reihe "Musik der Gegenwart".

Osterblüte und Psalm op.10 entstanden zwischen 1933 und 1934. Am 10. Juni 1936 kamen beide Lieder durch Hanna Schwarz und Paul Pisk in einem vom Rundfunk übertragenen Konzert zur Aufführung. Am 14. Juni 1937 sang Clarisse Stukart Osterblüte beim Linzer Rundfunk. Das Gedicht Psalm entstammt der 1932 erschienenen ersten Gedichtsammlung Musik der Dinge von Emil Arnold Holm. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich vermutlich der Wiener Dichter (jüdischer Abstammung) Arnold Ascher, der 1983 in einem GESTAPO-Gefängnis umgebracht wurde. Wie auch die Drei Klavierstücke op.6 überlebte nur eine einzige Kopie von op.10 im Anton Webern Nachlass in der Paul Sacher Stiftung in Basel. Der Text zu Osterblüte stammt von Greta Bauer-Schwind, einer Dichterin aus Brünn, das in ihrer Sammlung Licht und Erde 1936 veröffentlicht worden war. Das einzige erhaltene Exemplar dieses Liedes wird in der National Library of Israel in Jerusalem aufbewahrt. Es befand sich im Besitz der  Sängerin  Stella Falticzek, wie auch die für diese Aufnahme verwendeten Ausgaben der Sonnenhymne und des L'Angelus.

Bachrichs Sonnenhymne op.11, basierend auf einem Gedicht von Hans Carossa von 1912, entstand, wie die Osterblüte und der Psalm in den Jahren 1933–34. Hans Carossa war zu diesem Zeitpunkt als Schriftsteller im deutschen Sprachraum sehr bekannt, allerdings mehr für seine Romane als für seine Lyrik. Bachrich komponierte eine stark chromatische und von Quartenharmonik geprägte, lyrisch-gesangliche und gleichzeitig ausdrucksstarke Musik zu diesem expressiven, allegorischen Text. L'Angelus wurde zwischen 1934 und 1937 komponiert. Die zugrundeliegende "bretonische Volksweise" fand Bachrich vermutlich in Louis-Albert Bourgault-Ducoudrays 1885 erstmals veröffentlichten Trente Mélodies Populaires de Basse-Bretagne. Durch Quartenharmonik und modale Wendungen reichert Bachrich die im Prinzip tonale Begleitung dieser traditionellen Melodie an.

Die Einfachheit der Frühen Verse op.15, eines Monodramas, das Bachrich Alban Berg zu dessen 50. Geburtstag 1935 widmete, ist trügerisch. Die einzige erhalten Kopie des Stückes hat sich im Nachlass von Berg in der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten. Der Sprecherpart wurde unabhängig als Lithographie gedruckt, von der Klavierpartitur existiert nur das Manuskript. Der Text von Arnold Holm stammt aus derselben Sammlung wie dessen  Psalm. Die Sprecherstimme ist ohne Notenköpfe aber rhythmisch auf der Mittellinie eines fünf-Linien-Systems ohne Schlüssel notiert. Dieser Typ der Sprechstimmen-Notation ähnelt mehr der Art und Weise, wie sie Berg im Wozzeck verwendet als der in Schönbergs Pierrot. Bachrich engagierte sich musikalisch wie sozial im Kreis der Zweiten Wiener Schule auch in der Zeit, in der ihre Mitglieder den Angriffen von Regierungsstellen ausgesetzt waren und unterdrückt wurden.

Die letzte Aufführung eines seiner Werke, von der wir Kenntnis haben, war die seiner Variationen über ein Thema von Beethoven am 18. Oktober 1937 im Wiener Konzerthaus. Bis 1938 abeitete er als musikalischer Leiter der  Wiener Volkshochschule. In der Besprechung einer Aufführung der Carmen vom 25. Januar 1938 im Neuen Wiener Tagblatt schrieb der Rezensent: "Erstaunlich wie immer war Ernst Bachrich am Klavier. Mit seinen beiden Händen, die wahrlich auf den Tasten genug Arbeit leisten, hält er die gesamte Aufführung straff zusammen, gibt die Zeichen für die Solisten und den Chor, und sein Spiel läßt an Brio nichts zu wünschen übrig."

Im Frühjahr 1938 studierte Bachrich eine Aufführung des Barbiers von Sevilla ein, die am 12. März hätte Premiere haben sollen, aber die höchstwahrscheinlich wegen des Einmarschs und der Besetzung Österreichs durch die Deutschen an diesem Tag annulliert wurde. Nach dem "Anschluss" wurde Bachrich auf die schwarze Liste gesetzt. Seine Name fand sich sowohl im Lexikon der Juden in der Musik als auch in Judentum und Musik, beide von 1938. 1939 wurde sein Name im Verzeichnis der Staatlich genehmigten Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger rot durchgestrichen1 und 1940 wurde er in den "Ausschlüssen aus der Reichsmusikkammer" erfasst.

Und dennoch leistete Bachrich offensichtlichen Widerstand. Ende 1938 wurden seine Variationen über ein Thema von Beethoven gedruckt und bei Goll veröffentlicht, worüber er Joseph Marx in einem Brief informierte. Im folgenden Jahr erschien die Sonate für Violoncello und Klavier im Eigenverlag.  Das Erscheinungsjahr und der Ort der Veröffentlichung, sein jüdischer Distrikt in Wien, finden sich prominent auf dem Titelblatt. Auf der offiziell angeordneten Auflistung seines Vermögenswerte von 1938 führt er die Copyrights seiner Kompositionen an, die in Deutschland verboten worden waren, und verweigerte die Angaben zu ihrem Wert. Er widersetzte sich aktiv dem Verbot seiner Musik, indem er sich um ihre Veröffentlichung kümmerte und bemühte sich weiter privat und öffentlich um ihre Verbreitung.

Am 15. Mai 1942 wurde Ernst Bachrich von Wien in das Ghetto Izbica im von Deutschland besetzten Polen deportiert und am 11. Juli 1942 im Konzentrationslage Lublin-Majdanek ermordet. Sieht man von Hinweisen auf wichtige Konzerte und Uraufführungen ab, geriet sein Werk nach seinem Tod größtenteils in Vergessenheit. Seinem eigenen Einsatz für die Veröffentlichung und Verbreitung seines Oeuvres, ist es zu verdanken, dass es erhalten geblieben ist und dass seine Biographie rekonstruiert und sein Platz unter den Musikern der Zwischenkriegszeit in Mitteleuropa erforscht werden kann.

Matthew Vest

Dt. Übersetzung: Frank Harders-Wuthenow



1 Carla Shapreau, The Austrain Copyright Society and Blacklisting During the Nazi Era, Orel Foundation (Link zum Text)

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